Temperaturen >35 °C steigern das relative Risiko einer späten Frühgeburt um bis zu 45 %
Sommerliche Hitze ist für Schwangere nicht nur unangenehm – sie kann den mütterlichen Organismus insbesondere im letzten Schwangerschaftsdrittel erheblich belasten. Eine 2023 veröffentlichte Studie des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) zeigt, dass ausgeprägter und länger anhaltender Hitzestress mit einem erhöhten Risiko für Frühgeburten verbunden ist.
Warum Hitzestress in der Schwangerschaft relevant ist
In der Studie zeigte sich der Zusammenhang zwischen Hitzestress und Frühgeburt insbesondere für sogenannte späte Frühgeburten zwischen der 34. und 37. Schwangerschaftswoche (SSW).
Kinder, die in diesem Zeitraum geboren werden, können in der Regel problemlos überleben. Dennoch ist die intrauterine Reifung zu diesem Zeitpunkt noch nicht vollständig abgeschlossen. Dies betrifft unter anderem die:
- Lungenreifung,
- Regulation von Atmung und Körpertemperatur,
- gastrointestinale Reifung,
- neurologische Entwicklung und die
- Immunreifung.
Entsprechend treten bei frühgeborenen Kindern häufiger Anpassungsstörungen, Hypothermie, Hypoglykämien, Trinkschwäche, respiratorische Probleme und Infektionen auf als bei termingerecht geborenen Kindern.
Auch langfristig wird eine Frühgeburt mit einem erhöhten Risiko für verschiedene gesundheitliche und entwicklungsbezogene Auffälligkeiten in Verbindung gebracht. Dazu zählen unter anderem respiratorische Erkrankungen, Infektionsanfälligkeit sowie – abhängig von Gestationsalter und weiteren Einflussfaktoren – neurokognitive und metabolische Folgen. Gerade in den Wochen vor der 37. SSW ist jeder zusätzliche Tag der intrauterinen Reifung von Bedeutung.
Ab 30 °C steigt das Risiko für ein Frühchen
Trotz stetiger Fortschritte in der medizinischen Versorgung bleibt die Frühgeburtenrate seit Jahren auf einem vergleichsweise konstanten Niveau. Etwa jedes zwölfte Kind wird vor Vollendung der 37. Schwangerschaftswoche geboren. Vor dem Hintergrund des Klimawandels und zunehmend häufiger auftretender Hitzeperioden rückt dabei auch Hitzestress als zusätzlicher Risikofaktor stärker in den Fokus. Je intensiver und länger die Hitze, desto höher das Risiko.
Die Forschenden werteten Daten von mehr als 42.000 Geburten der vergangenen 20 Jahre am Hamburger Universitätsklinikum aus und zeigten, dass insbesondere mehrere aufeinanderfolgende heiße Tage mit extremen Temperaturen gegen Ende der Schwangerschaft mit einem erhöhten Risiko für späte Frühgeburten verbunden sein können.
Der Studie zufolge führt Hitzestress von 30 °C zu einer Erhöhung des relativen Frühgeburtsrisikos um 20 % und Temperaturen über 35 °C können das relative Risiko sogar um 45 % steigern.
Besonders ungeborene Mädchen reagieren empfindlich. Warum das so ist, konnte bisher nicht gezeigt werden.
Hitzestress und mütterliche Kreislaufanpassung
Bei hohen Außentemperaturen versucht der Körper, überschüssige Wärme vor allem über eine verstärkte Hautdurchblutung und vermehrtes Schwitzen abzugeben. Dadurch gehen Flüssigkeit und Elektrolyte verloren, während die Erweiterung der peripheren Blutgefäße den Kreislauf zusätzlich fordert. Für Schwangere stellt dies eine besondere Belastung dar, da ihr Herz-Kreislauf-System bereits physiologisch stärker beansprucht ist.
Insbesondere im letzten Schwangerschaftsdrittel kann der vergrößerte Uterus zusätzlich den venösen Rückstrom über die Vena cava inferior (vor allem in Rückenlage) einschränken. Gleichzeitig führt die ****hitzebedingte Vasodilatation ****zu Veränderungen der Blutverteilung. Auch im uterinen Gefäßsystem können sich Gefäßweite und Hämodynamik verändern. Dadurch kann die uteroplazentare Perfusion beeinflusst und in der Folge auch die Versorgung des Fetus mit Sauerstoff und Nährstoffen beeinträchtigt werden.
Neben diesen kardiovaskulären Anpassungen werden weitere Mechanismen diskutiert, über die Hitzestress den Schwangerschaftsverlauf beeinflussen könnte. Dazu zählen insbesondere Dehydratation, oxidativer Stress sowie hormonelle und entzündliche Reaktionen.
Bei sehr hohen Umgebungstemperaturen wird die Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse aktiviert, was unter anderem mit einem Anstieg der Cortisolkonzentration einhergeht. Schlafmangel, Dehydratation und körperliche Belastung können diese Stressreaktion zusätzlich verstärken. Auch die psychische Belastung kann unter anhaltender Hitze zunehmen: Neben erhöhter Reizbarkeit können sich beispielsweise depressive oder ängstliche Symptome verstärken.
Gerade gegen Ende der Schwangerschaft können diese verschiedenen Belastungen zusammenwirken und dazu beitragen, geburtseinleitende Prozesse früher in Gang zu setzen.
Hitzestress in der Frühschwangerschaft
Bezüglich eines erhöhten Fehlgeburtsrisikos deuten epidemiologische Daten darauf hin, dass eine ausgeprägte Hitzeexposition auch in der Frühschwangerschaft mit einem erhöhten Risiko für spontane Fehlgeburten verbunden sein könnte. Die Studienlage ist bislang jedoch heterogen und deutlich weniger eindeutig als der Zusammenhang zwischen Hitzestress und Frühgeburten im späteren Schwangerschaftsverlauf.
Wie können sich Schwangere bei Hitze schützen?
Während der gesamten Schwangerschaft, besonders jedoch zwischen der 34. und 38. Schwangerschaftswoche sollten Schwangere bei anhaltend hohen Temperaturen Maßnahmen ergreifen, um Hitzestress möglichst zu reduzieren:
- direkte Sonneneinstrahlung möglichst meiden und Sonnenschutz tragen
- Aktivitäten möglichst auf die kühleren Morgen- oder Abendstunden legen
- körperliche Belastung reduzieren
- sich bevorzugt in kühlen oder klimatisierten Räumen aufhalten
- regelmäßig für Abkühlung sorgen
- ausreichend Flüssigkeit und Elektrolyte aufnehmen
- kühlende/wasserreiche Lebensmittel wie Melone, Gurke oder Tomaten essen
Sensibilisierung für Warnzeichen
Schwangere sollten von uns TherapeutInnen über Warnzeichen einer akuten Hitzebelastung aufgeklärt werden und diese ernst nehmen. Dazu gehören:
- Schwindel und Kreislaufbeschwerden
- starke Müdigkeit und Schwäche
- Kopfschmerzen
- Übelkeit oder Erbrechen
- beschleunigter Herzschlag
Auch bei der Terminplanung kann Hitzeschutz berücksichtigt werden: Schwangeren sollten nach Möglichkeit Termine in den kühleren Morgen- oder Abendstunden angeboten werden. Bei besonders hitzeempfindlichen oder gesundheitlich belasteten Frauen können ggf. auch Online-Termine sinnvoll sein; notwendige gynäkologische Kontrolltermine sollten möglichst so gelegt werden, dass zusätzliche Hitzebelastungen vermieden werden.
Zitierte Studie: Yüzen D, Graf I, Tallarek AC et al. (2023): Increased late preterm birth risk and altered uterine blood flow upon exposure to heat stress. EBioMedicine.
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