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„Abnehmspritzen“ (GLP-1-Agonisten) im Fokus

Kaum ein Medikament polarisiert in letzter Zeit so sehr wie die „Abnehmspritze“: Für Menschen mit Diabetes und starkem Übergewicht ist sie ein neuer Hoffnungsträger – für andere eher ein umstrittenes Lifestyle-Tool.

In diesem Beitrag erfährst Du unter anderem, wie GLP-1-Agonisten funktionieren, welchen Nutzen sie haben – und mit welchen Nebenwirkungen zu rechnen ist. Dabei geht es um eine möglichst neutrale Einordnung der Pros und Contras – ohne Pauschalurteile.

Welche Produkte stecken überhaupt hinter dem Begriff „Abnehmspritze“?

Das Unternehmen Novo Nordisk vertreibt mit Ozempic® und Wegovy® zwei Präparate, die auf dem Wirkstoff Semaglutid basieren: Während Ozempic® in erster Linie für die Behandlung des Typ-2-Diabetes eingesetzt wird, ist Wegovy® für die Gewichtsreduktion bei Adipositas beziehungsweise bei Übergewicht mit Begleiterkrankungen zugelassen.

 

Der Pharmakonzern Eli Lilly bietet mit Mounjaro® ein Medikament an, das den Wirkstoff Tirzepatid enthält und ebenfalls sowohl bei Typ-2-Diabetes als auch im Rahmen des Gewichtsmanagements bei Adipositas oder Übergewicht mit Begleiterkrankungen eingesetzt werden kann.

 

Die Wirkstoffe ahmen körpereigene gastrointestinale Hormone (Inkretine) nach, um unter anderem die Magenentleerung zu verlangsamen, den Appetit zu dämpfen und das Sättigungsgefühl zu verstärken – wie das funktioniert, schauen wir uns weiter unten im Text genauer an.

Adipositas

Adipositas ist eine komplexe, chronische Erkrankung, die durch ein Zusammenspiel aus biologischen, genetischen und Umweltfaktoren beeinflusst wird. Betroffene brauchen eine langfristige, umfassende Betreuung – nicht einfach nur, wie häufig behauptet wird, „mehr Disziplin“.

Neben Typ-2-Diabetes sind auch Bluthochdruck, Lebersteatose, Schlafapnoe und ein erhöhtes Herz-Kreislauf-Risiko schwerwiegende Folgeerkrankungen. Daher kann bei entsprechender Indikation die Risiko-Nutzen-Abwägung trotz möglicher Nebenwirkungen zugunsten einer medikamentösen Therapie ausfallen.

 

In Deutschland sind 67% der Männer und 53% der Frauen übergewichtig, und etwa jede/r Vierte lebt mit Adipositas. Besonders relevant wird das mit Blick auf Folgeerkrankungen: Im höheren Alter ist etwa jede/r Vierte von Diabetes betroffen. Diese Zahlen zeigen, dass es sich neben dem persönlichen Gesundheitsrisiko auch um ein gesamtgesellschaftliches Problem handelt, das immense Kosten verursacht.

 

GLP-1-Agonisten sind hier eine Chance, weil sie die Therapie um eine wirksame Option erweitern und vielen PatientInnen Lebensstilveränderungen deutlich erleichtern können. Gerade weil der Effekt häufig nur unter fortgesetzter Anwendung stabil bleibt, sollte die Behandlung von Anfang an als langfristiges Gesamtkonzept geplant werden. Metaanalysen zeigen, dass nach dem Absetzen von GLP-1-basierten Medikamenten viele Betroffene vergleichsweise rasch wieder an Gewicht zunehmen und sich kardiometabolische Verbesserungen teilweise wieder zurückbilden können.

Übernehmen die Krankenkassen die Kosten?

Grundsätzlich sind Wegovy® und Mounjaro® keine frei verfügbaren Lifestyle-Produkte, sondern Medikamente mit klaren Zulassungskriterien. In der Regel kommen sie für Menschen mit Adipositas (Body-Mass-Index (BMI) ≥ 30) infrage – oder bereits ab einem BMI von 27, wenn zusätzlich gewichtsbedingte Begleiterkrankungen vorliegen.

Trotz dieser Zulassung übernimmt die gesetzliche Krankenkasse die Kosten für eine medikamentöse Gewichtsreduktion in Deutschland meist nicht.

Medikamente zur Gewichtsabnahme gelten hier in der Regel als “Lifestyle-Arzneimittel” und sind von der Erstattung ausgeschlossen – auch dann, wenn eine ärztliche Verordnung vorliegt. Anders kann es sein, wenn die Wirkstoffe im Rahmen einer Diabetes-Therapie eingesetzt werden. Dann ist eine Kostenübernahme durch die gesetzliche Krankenkasse grundsätzlich eher möglich. Bei Privatversicherten hängt eine Erstattung vom Tarif und der medizinischen Notwendigkeit ab.

Die wichtigsten Wirkmechanismen im Überblick

GLP-1 steht für Glucagon-like Peptide-1. Das ist ein körpereigenes Hormon, das der Darm nach dem Essen ausschüttet. Es gehört zu den sogenannten Inkretin-Hormonen und verbindet Verdauung, Blutzuckerregulation und Appetitsteuerung miteinander. GLP-1-Medikamente (GLP-1-Rezeptor-Agonisten) ahmen diese Wirkung nach – nur länger und stärker als das körpereigene Hormon (Agonist = Aktivator).

Die Wirkungsweise der Medikamente ist sehr komplex und viele Organsysteme sind involviert. Im folgenden Abschnitt sind die wichtigsten Wirkorte für Dich zusammengefasst:

 

  • Bauchspeicheldrüse

    GLP-1-Agonisten stimulieren die Sekretion von Insulin (Blutzuckersenkend) und hemmen die Ausschüttung des Gegenspielers Glucagon (Blutzuckersteigernd).

  • Magen-Darm-Trakt

    Die Medikamente verlangsamen außerdem die Magenentleerung. Essen bleibt dadurch länger im Magen – das macht länger satt (erklärt jedoch gleichzeitig auch viele typische Nebenwirkungen).

  • Gehirn GLP-1 wirkt auch auf Zentren, die Appetit, Belohnung und Sättigung steuern. Darum berichten viele über ein verstärktes Sättigungsgefühl und weniger Heißhungerattacken. Viele PatientInnen geben an, dass das Verlangen nach hochkalorischem **„**Fast Food” oder süßen Getränken zurückgeht.

 

Zusätzlich zur Aktivierung der GLP-1-Rezeptoren wirkt Mounjaro® auch an GIP-Rezeptoren und gilt damit als Dual-Agonist. GIP (glukoseabhängiges insulinotropes Polypeptid) ist ein weiteres Darm-Inkretin, das die Effekte zusätzlich verstärken kann. Diese kombinierte Wirkung hat sich in Vergleichsstudien in Bezug auf die Parameter HbA1c-Senkung und Reduktion des Körpergewichts als überlegen gezeigt.

Im Überblick:

 

  • Ozempic®/Wegovy® (Wirkstoff Semaglutid): reiner GLP-1-Rezeptor-Agonist
  • Mounjaro® (Wirkstoff Tirzepatid): dualer GLP-1 + GIP-Rezeptor-Agonist

 

Auch wenn die Wirkstoffe teils unterschiedlich sind, sind die möglichen Nebenwirkungen ähnlich.

Mit welchen Nebenwirkungen ist zu rechnen?

Die häufigsten Nebenwirkungen sind Magen-Darm-Beschwerden. Insbesondere zu Beginn der Therapie oder bei Dosissteigerungen.

 

  • Häufig:

    • Übelkeit, Erbrechen, Völlegefühl
    • Durchfall, Blähungen
    • Appetitverlust → Mangelernährung
    • Verlust von Muskelmasse
  • Seltener:

    • Bauchspeicheldrüsenentzündungen (Pankreatitis)
    • Gallenblasenprobleme (Steinbildung)
    • Schilddrüsenneoplasien (Humanrelevanz unklar)

 

Die gute Nachricht: Bei vielen werden die Beschwerden mit der Zeit deutlich besser, vor allem wenn die Dosierung nur langsam gesteigert und das Essverhalten parallel angepasst wird.

 

Trotzdem fehlen bislang belastbare Langzeitdaten über mehrere Jahre; zudem bleibt unter anderem offen, welche langfristigen Konsequenzen eine verzögerte Magenentleerung und eine verlangsamte Darmmotilität auf das Darmmikrobiom haben können. Gerade bei Menschen mit Reizdarmsyndrom oder einer Dünndarmfehlbesiedelung (SIBO) ist denkbar, dass sich bestehende Beschwerden dadurch verstärken – weshalb hier eine besonders sorgfältige individuelle Abwägung und Begleitung sinnvoll ist.

Können die Nebenwirkungen gemildert werden?

Es gibt einige Stellschrauben, mit denen Nebenwirkungen spürbar reduziert werden können, z.B.:

1) Dosierung niedrig starten & nur sehr langsam steigern

Dosissteigerungen nur, wenn es gut toleriert wird. Manche profitieren davon, länger auf einer niedrigeren Dosis zu bleiben

2) Portionen verkleinern

Durch die langsamere Magenentleerung wirken „normale“ Portionen bereits üppig. Besser: mehrere kleinere Mahlzeiten

3) Fettige, sehr schwere Mahlzeiten reduzieren

Leichter verdauliches Essen entlastet den gesamten Magen-Darm-Trakt

4) Proteinzufuhr beachten

Protein ist unter anderem wichtig für den Muskelerhalt beim Abnehmen

5) Ballaststoffversorgung sicherstellen

Ballaststoffe unterstützen das Mikrobiom und die Sättigungsregulation

6) Trinken nicht vergessen

Insbesondere bei Durchfall ist eine angemessene Flüssigkeitszufuhr wichtig

7) Achtsamkeit beim Essen

Angemessene Essatmosphäre, langsam essen und gut kauen

Ausblick

Perspektivisch könnten sich die GLP-1-Therapien weiter vereinfachen: Für die Behandlung von Typ-2-Diabetes sind bereits orale GLP-1-Medikamente verfügbar. Für die Gewichtsreduktion werden entsprechende Präparate aktuell noch entwickelt und in Studien geprüft.

 

Spannend ist auch der Blick auf weitere mögliche Einsatzgebiete. GLP-1-basierte Therapien sind nicht nur als Diabetes- und Adipositasmedikament interessant: Im Fokus der Forschung stehen inzwischen mögliche Einsatzgebiete wie Fettlebererkrankungen, chronische Nierenerkrankungen, kardiovaskuläre Risikoreduktion, Schlafapnoe und bestimmte Formen von Suchtverhalten. Viele der diskutierten Zusatzeffekte hängen wahrscheinlich damit zusammen, dass Adipositas als wichtiger Risikofaktor zurückgeht – gleichzeitig sprechen Daten dafür, dass GLP-1-basierte Therapien auch eigene, teils gewichtsunabhängige Stoffwechseleffekte und organprotektive Eigenschaften haben. Inwieweit Betroffene bald davon profitieren können, hängt von neuen Studien und künftigen Zulassungen ab.

Fazit

Für eine unkritische Verwendung als „Lifestyle-Medikament“ sind die Präparate nicht gedacht. Sie können für Menschen mit Diabetes und Adipositas bei entsprechender Indikation und ärztlicher Begleitung jedoch eine wirksame und medizinisch sinnvolle Therapieoption sein – insbesondere dann, wenn bereits relevante Begleiterkrankungen bestehen und andere Maßnahmen allein nicht ausreichen.

GLP-1-Agonisten sollen Teil eines Gesamtkonzepts sein

Fachgesellschaften und auch die WHO betonen, dass diese Medikamente Teil eines Gesamtkonzepts sein sollen:

 

  • gesunde Ernährung,
  • regelmäßige körperliche Aktivität und
  • Unterstützung durch medizinische Begleitung.

 

Nebenwirkungen und Risiken müssen im Einzelfall gegen die gesundheitlichen Folgen einer unbehandelten Adipositas, Typ-2-Diabetes und weiterer Folgeerkrankungen abgewogen werden.

Gleichzeitig ist noch nicht abschließend geklärt, wie sich eine langfristige Anwendung auswirkt. Auch wenn die Wirkstoffe körpereigene Hormonsignale nachahmen, handelt es sich um einen gezielten pharmakologischen Eingriff in komplexe Steuerungsmechanismen von Appetit, Verdauung und Stoffwechsel. Es braucht weitere belastbare Langzeitdaten, um mögliche Spätfolgen sicher beurteilen zu können.

Weitere offene Fragen betreffen insbesondere die optimale Erhaltungstherapie (Dauer und Dosierung), das Absetzen und die Gewichtsstabilisierung danach sowie die Finanzierung und die Ungleichheiten beim Zugang zu den Medikamenten.

Lifestyle-Strategien als Basis

So kann der körpereigene GLP-1-Spiegel auf natürliche Weise positiv beeinflusst werden:

 

  • Proteinreiche Mahlzeiten Proteinreiche Mahlzeiten können die GLP-1-Ausschüttung nach dem Essen erhöhen

  • Ballaststoffreiche Kost Ballaststoffe werden von der Darmflora fermentiert; dabei entstehen u. a. kurzkettige Fettsäuren (SCFAs), die als Signalstoffe Stoffwechselprozesse beeinflussen und mit GLP-1-Regulation in Verbindung stehen

  • Regelmäßige Bewegung Körperliche Aktivität, insbesondere Krafttraining, verbessert die Insulinsensitivität und kann GLP-1-bezogene Stoffwechselprozesse günstig beeinflussen

  • Intermittierendes Fasten

    Kann – je nach Person – metabolische Parameter wie Insulinsensitivität verbessern, ist aber nicht für jede/n geeignet

  • Stressmanagement und Schlaf

    Chronischer Stress und Schlafmangel verschlechtern die Insulinresistenz und verändern unsere Appetitregulation negativ

  • Achtsamkeitsbasiertes Essen

    Langsam essen, bewusst kauen und auf Sättigungssignale zu achten unterstützt die natürliche Sättigungsregulation und hilft, Überessen zu vermeiden

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